Teilprojekte

Prävention im Allgemeinen und Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen im Besonderen sind zunehmend wichtigere Themen in der gesundheitspolitischen Diskussion um optimierte Versorgungsangebote. Zuletzt haben Berechnungen hoher steigender direkter und indirekter Krankheitskosten bei psychischen Störungen alarmiert: Besonders im Arbeitsbereich führen diese Störungen zu langen Arbeitsunfähigkeitszeiten und hohen Frühberentungsraten.

Mitarbeiter der fünf medizinischen Fakultäten Baden-Württembergs haben sich daher zusammengeschlossen, um ein Kompetenzzentrum Prävention psychischer und psychosomatischer Störungen in der Arbeits- und Ausbildungswelt zu errichten.

Kernstück des Kompetenzzentrums sind die folgenden 11 Teilprojekte, deren Ergebnisse dem gesamten Kompetenzzentrum verfügbar gemacht werden:

 

Teilprojekt 1: Angehörige von Gesundheitsberufen dazu befähigen, Programme zur Stressbewältigung im Rahmen der Primär- und Sekundärprävention anzubieten

Stress ist angesichts der wachsenden Anforderungen in Schule, Ausbildung / Studium sowie im Arbeitsleben ein zentraler und immer wichtiger werdender Risikofaktor für die Entstehung von psychischen und psychosomatischen, aber auch körperlichen Erkrankungen.

Deshalb steht Stress im Mittelpunkt von präventiven Maßnahmen. Mit Hilfe von präventiven Maßnahmen wird versucht, das Auftreten bzw. das Voranschreiten von Erkrankungen zu verhindern.

Das Ziel dieses Projekts ist, Angehörigen von Gesundheitsberufen Grundkenntnisse über das Stress- und Burnoutkonzept zu vermitteln und sie mittels eines Tutorenprogramms zu befähigen, ein Programm zur Stressbewältigung anzubieten.

Zielgruppen dieses Projekts sind Gesundheits- und KrankenpflegerInnen, medizinische Fachangestellte sowie Hebammen.

Das Präventionsprogramm für psychische und psychosomatische Erkrankungen wird je nach Berufsgruppe und ihrem Tätigkeitsfeld (z.B. Hausarztpraxen, Krankenhaus, gynäkologische Praxen, Hebammen) variiert und an das Alter und die bereits vorhandenen Kenntnisse der NutzerInnen adaptiert.

Das Präventionsprogramm soll bereits in der Ausbildung realisiert und evaluiert werden. Außerdem soll analysiert werden, wie es sich im Versorgungssystem umsetzen lässt und welche Wirksamkeit es hat.

 

Teilprojekt 2: under construction

 

Teilprojekt 3: Prävention psychischer und psychosomatischer Erkrankungen innerhalb und außerhalb des Betriebes - Erfahrungen und Haltungen von Betriebsärzten, Hausärzten und Psychotherapeuten und Personalverantwortlichen 

Bearbeitung:

Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen (Federführung): Prof. Dr. Rieger, Dr. Dagmar Gröber-Grätz, MPH (bis 31.1.2015), Dr. Martina Michaelis (ab 1.1.2016)

http://www.medizin.uni-tuebingen.de/arbeitsmedizin/

Psychosomatische Medizin und Psychotherapie – Innere Medizin VI, Medizinische Klinik, Universitätsklinikum Tübingen: Prof. Dr. Stephan Zipfel, Dr. Florian Junne, MSc, Dipl. Psych. Rebecca Erschens
http://www.psychosomatik-tuebingen.de

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm: Prof. Dr. Harald Gündel, Dr. Eva Rothermund
http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/kliniken/psychosomatische-medizin-und-psychotherapie/

Das betriebliche Setting spielt für die Prävention psychosomatischer und psychischer Erkrankungen eine besondere Rolle. Hier können Maßnahmen der Primärprävention (Gestaltung der Arbeitsbedingungen), Sekundärprävention (Früherkennung von und Frühintervention bei gefährdeten und erkrankenden Personen zur Vermeidung langdauernder oder chronischer Verläufe) und Tertiärprävention (Wiedereingliederung nach Erkrankung) durchgeführt werden. Die Schnittstelle zwischen der betriebsärztlichen Betreuung und der Versorgung durch Haus- und Fachärzte bzw. psychotherapeutisch Tätigen ist aber meist nicht gut  ausgeprägt. Vor diesem Hintergrund wurden modellhaft einerseits strukturierte Präventionspfade vorgeschlagen, andererseits das Konzept einer so genannten „Psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb“ entwickelt. Beide dienen über zusätzliche Angebote in Bezug auf Diagnostik und frühe Intervention der Sekundärprävention drohender psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und können darüber hinaus Anstoß für Maßnahmen der Primär- und Tertiärprävention geben.

Offen ist allerdings, welche Konzepte und Haltungen die betroffenen Akteure, d.h. Betriebsärzte, Hausärzte und Psychotherapeuten sowie die Personalverantwortlichen zu entsprechenden Präventionsangeboten haben.

Mit Teilprojekt 3 wird an Vorarbeiten am Tübinger Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung (http://www.medizin.uni-tuebingen.de/arbeitsmedizin/) und der Ulmer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im dortigen Schwerpunkt Arbeit und Gesundheit (http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/kliniken/psychosomatische-medizin-und-psychotherapie/home/forschung/projekte/arbeit-und-gesundheit-aktuelle-forschungsprojekte.html) angeknüpft: an beiden Standorten wurden bzw. werden vom Land Baden-Württemberg geförderte Projekte zur Evaluation der „Psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb“ durchgeführt, in Tübingen gilt darüber hinaus ein besonderes Interesse der Schnittstelle der betriebsärztlichen Betreuung mit der Gesundheitsversorgung.

Geplantes Vorgehen:

Ausgehend vom vorliegenden Material aus Einzelinterviews und Fokusgruppen wird ein Fragebogen entwickelt, der in modularem Aufbau für die Befragung von Hausärzten, Betriebsärzten und Psychotherapeuten (d.h. psychotherapeutisch tätigen Ärztinnen und Ärzten sowie psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten) eingesetzt wird. Darüber hinaus wird ein Modul für die Befragung von Personalverantwortlichen in Betrieben entwickelt. Die Befragung ist für das Frühjahr 2014 geplant. Es sollen unter anderem folgende Fragen geklärt werden:

• Welche Erfahrungen haben die Akteure mit der Prävention psychischer und

psychosomatischer Erkrankungen bei Beschäftigten gemacht?

• Welche Konzepte haben die Akteure zur Bedeutung arbeitsbedingter psychomentaler

Faktoren für die Prävention (d.h. Ressourcen) und Entstehung (d.h. Risikofaktoren)

psychosomatischer und psychischer Erkrankungen?

• Welche Optimierungsmöglichkeiten sehen die Akteure in ihrem jeweiligen Feld und

an den Schnittstellen zu den übrigen Akteuren? 

Verbindungen zu anderen Teilprojekten: Teilprojekt 2 

 


Teilprojekt 4: Älter werden im Beruf 

Heidelberg / Ulm in Kooperation mit Düsseldorf 

Der demographische Wandel geht besonders im Bereich der Krankenversorgung mit einer Veränderung der Altersstruktur von Belegschaften einher. Der Pflegeberuf ist mit hohen körperlichen und psychischen Belastungen assoziiert. In der Literatur finden sich Hinweise darauf, dass im Bereich der Pflege in der Altersgruppe >45 Jahre die selbst eingeschätzte Arbeitsfähigkeit abnimmt und ein zunehmender Teil dieser Gruppe sich zumindest mit dem Gedanken beschäftigt, den Pflegeberuf zu verlassen. Daher ist es von großer Bedeutung, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Pflegende bis ins hohe Alter in Ihrem Beruf bleiben können und den Mitarbeitern Instrumente mit auf den Weg zu geben, die Ihnen helfen mit den im Laufe des fortgeschrittenen Erwerbslebens auftretenden Veränderungen gut umgehen zu können.

Die geplante gesundheitspräventive Fortbildungsmaßnahme soll den Teilnehmern (Pflegekräfte >45 Jahre) einen Raum geben, konkrete Maßnahmen zu erlernen, um im Kontext der hohen körperlichen und psychischen Anforderungen des Pflegeberufs die eigene Gesundheit zu schützen. In einer Gruppenintervention soll es den Teilnehmern ermöglicht werden, konkrete persönliche Projekte zu formulieren und umzusetzen. 

Die Studie wird voraussichtlich bis Ende 2014 laufen. Die Gruppenintervention soll Pflegekräften im fortgeschrittenen Erwerbsleben an verschiedenen Standorten (Heidelberg, Ulm, Düsseldorf) angeboten werden.

Zu Beginn der Maßnahme erfolgt eine Verteilung (Randomisierung) der Interessenten auf eine sogenannte Interventions- und eine Kontrollgruppe. Die Interventionsgruppe wird einer Gruppenintervention (maximal 12 Teilnehmer/Gruppe mit insgesamt 10 wöchentlich stattfindenden Terminen à 90 min.) zugeführt. Zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt eine Auffrischungssitzung (Booster) à 90 min. Die Kontrollgruppe bekommt exakt dasselbe Angebot, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt (nach Abschluss der Interventionsgruppe).
Die Intervention gliedert sich in einen verhältnis- und einen verhaltensbezogenen Part und bezieht die Führungsebenen ein.

Zur wissenschaftlichen Auswertung der Intervention kommen u.a. Fragebögen über die selbst eingeschätzte Arbeitsfähigkeit, die psychische Belastung und die Lebensqualität zum Einsatz.  Mit einer Teilgruppe werden voraussichtlich Interviews (Gruppen- und Einzelinterviews) durchgeführt.

Neben dem dargestellten Projekt wird eine adaptierte Variante der skizzierten Intervention auch für die älteren Mitarbeiter im betrieblichen Bereich angeboten um neben dem hochrelevanten Gesundheitssektor sowohl den Produktions- als auch den Managementsektor in der Wirtschaft abzubilden.

 

Teilprojekt 5: Prävention psychosozialer Belastungen bei Medizinstudierenden

Heidelberg, Tübingen

Der Arztberuf ist mit weitreichenden psychosozialen Belastungen assoziiert - erlebter Dysstress, fehlende Bewältigungsstrategien und das Auftreten von Burnout-Symptomen gelten als vorrangige Ursachen für diese Belastungen (Thomas et al. 2007). Diese resultieren bei den betroffenen Ärzten in einer geringeren Lebensqualität, führen zu einer verminderten Empathie- und Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt zu Substanzabusus und Suizidalität. Auch die Patientenversorgung selbst, sowie die Zufriedenheit der behandelten Patienten, leiden unter den Belastungen der betroffenen Ärzte (Prins et al. 2009). 

Vor diesem Hintergrund erscheint es besonders alarmierend, dass zum Ende des Studiums bereits 20 % der Medizinstudierenden die Hochschule mit einer signifikanten Burnout-Belastung verlassen (Koehl-Hackert et al. 2012). Weiterhin ist aus angloamerikanischen Untersuchungen bekannt, dass es bereits ab dem ersten Studienjahr zu einer kontinuierlichen Zunahme von psychischen Belastungen kommt (Voltmer et al. 2010), vor allem bedingt durch die Diskrepanz zwischen den studentischen Erwartungen und der erlebten klinischen Realität einerseits und dem hohen Leistungsdruck und den unzureichenden Bewältigungsmechanismen der Studierenden andererseits (Benbassat et al. 2011). 

Ziel des Teilprojektes 5 ist es daher, anhand einer Querschnittsuntersuchung von Medizinstudierenden des ersten Studiensemesters an verschiedenen medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg (Heidelberg & Tübingen), (1) Belastungsfaktoren bei den Studierenden zu identifizieren und (2) die Wirksamkeit einer indizierten Interventionsmaßnahme zu überprüfen. 

Des Weiteren soll bei Studierenden des Praktischen Jahres an der Heidelberger Fakultät untersucht werden, wie Burn-out und Stresserleben mit der Integration in das Stationsteam und dem Empathievermögen im Patientenkontakt in Zusammenhang steht.

 

Teilprojekt 6: „Stressbewältigung in der Schule“

Das Jugendalter ist eine Lebensphase, die in vielerlei Hinsicht Veränderungen, Herausforderungen und somit auch ein erhöhtes Ausmaß an Stress mit sich bringen kann. Wichtige Hürden hinsichtlich der persönlichen Entwicklung müssen genommen werden, während im schulischen Bereich gleichzeitig zunehmend höhere Anforderungen an die Jugendlichen gestellt werden. Nicht ohne Grund steigt in diesem Alter das Risiko, psychische Probleme zu entwickeln oder gar an einer psychischen Störung zu erkranken, deutlich an.
Insbesondere im Bereich der Oberstufe sehen sich viele Jugendliche durch die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre mit steigendem Leistungsdruck und damit verbunden mit einem erhöhten Stresspegel konfrontiert. Wie gut diese Anforderungen gemeistert werden können hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielen dabei die internalen Ressourcen, die jeder Einzelne mitbringt. Jugendliche, die bereits Kompetenzen und Strategien zur Bewältigung von Stress entwickelt haben, sind gegenüber den wachsenden schulischen Anforderungen besser gewappnet als Gleichaltrige, die dem Alltagsstress weniger entgegenzusetzen haben und in Folge häufiger psychische Probleme entwickeln.
 Es erscheint folglich wichtig und sinnvoll an diesem Punkt anzusetzen und den Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Sie Ihre Kompetenzen im Umgang mit Stress verbessern können. Denn eine Verbesserung der Stressbewältigung bei Jugendlichen könnte eine wichtige Präventionsmaßnahme zur Vermeidung von psychischen Störungen des Erwachsenenalters darstellen. Ziel der geplanten Studie ist es deshalb, ein Interventionskonzept zur Stressprävention und -regulation für Jugendliche der gymnasialen Oberstufe zu entwickeln und dieses im Anschluss an Schulen zu evaluieren. Geplant ist, das empfundene Stressniveau der Schüler vor und nach der Durchführung des Interventionsprogramms auf unterschiedlichen Ebenen (psychologisch und neurobiologisch) zu erheben, um anschließend Aussagen über dessen Verlauf und somit über die Wirksamkeit des Stresspräventionsprogramms treffen zu können.

 

Teilprojekt 7: Stressbewältigung bei Leistungssportlern der gymnasialen Oberstufe 

Früher wurde davon ausgegangen, dass LeistungssportlerInnen aufgrund ihrer mentalen Stärke von psychiatrischen Erkrankungen nicht betroffen sind. Spätestens seit dem Suizid von Robert Enke 2009 wird in Deutschland dem Auftreten von psychiatrischen Erkrankungen bei Leistungssportlern mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Vor allem junge Leistungssportler, welche die Schule bzw. eine Ausbildung mit einem hohen zeitlichen Aufwand für den Sport (25 Stunden Training wöchentlich sowie mehrere Wochen Fehlzeit wegen Lehrgängen und Wettkämpfen) vereinbaren müssen, sind stark belastet. Diese Belastung hat nicht zuletzt aufgrund der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre zugenommen. Der damit einher gehende hohe Druck für die SchülerInnen steigert sich noch kurz vor dem Abitur.

Nicht alle jugendlichen Athleten können diesem hohen Druck standhalten und zeigen ein eher schlechtes körperliches und psychisches Befinden. Oft sind es stress-assoziierte Beschwerden, die von ihnen geäußert werden. Dies kann möglicherweise auf neue Alltagsanforderungen mit Ablösung vom Elternhaus, Veränderung des sozialen Umfelds, Beginn einer Ausbildung bzw. bevorstehendes Abitur bei oft zunehmendem Trainingsprogramm zurückgeführt werden.

In diesem Projekt wird deshalb ein Präventionsprogramm speziell für Leistungssportler entwickelt, die zwischen 17 und 19 Jahre alt sind, einem A-, B-, C- oder D-Kader angehören oder mindestens 5 Einheiten pro Woche auf einem hohen sportlichen Niveau trainieren sowie die Jahrgangsstufe 11 oder 12 besuchen.

Das Präventionsprogramm berücksichtigt explizit die besonderen Umstände eines Trainings- und Ausbildungsalltags eines Leistungssportlers bzw. einer Leistungssportlerin auf der gymnasialen Oberstufe.

Das Projekt findet statt in Kooperation mit dem Olympiastützpunkt Rhein-Neckar in Heidelberg und gegebenenfalls auch mit dem Olympiastützpunkt Freiburg.

 

Kompetenzzentrum Stressprävention 

Teilprojekt Prof. Dr. Manfred Cierpka und Dr. Christine Bark, Projektleitung 

Institut für psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie 

Mentalisierungsbasierte Prävention von Eltern 

Eine besonders effiziente Stressprävention kann bereits in der frühen Kindheit erfolgen, der Zeit zwischen der Geburt und dem 3. Lebensjahr des Kindes. Gelingt es, in dieser Lebensphase durch Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung eine sichere Bindung zwischen dem Kind und der Hauptbezugsperson herzustellen, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf die sozioemotionale, kognitive und sprachliche Entwicklung des Kindes und auf ein achtsames Miteinander in der Familie. Bei Vorliegen negativer Einflussfaktoren auf die Eltern-Kind-Beziehung kann es zu stresserzeugenden Mängeln in den Reifungs– und Entwicklungsbedingungen des Kindes und zu Stressbelastungen der gesamten Familie kommen. 

Das Projekt des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie „Mentalisierungsbasierte Prävention von Eltern“ dient dazu, die Feinfühligkeit der Eltern  gegenüber Signalen und Entwicklungsphasen des Säuglings und Kleinkindes zu fördern und die Eltern–Kind–Interaktion mit Hilfe einer manualisierten Intervention frühzeitig zu unterstützen. Somit kann die Eltern-Kind-Beziehung gestärkt und die Entwicklung des Kindes begleitet und gefördert werden. Zwischen der Bindungsqualität des Kindes im ersten Lebensjahr und einer späteren Psychopathologie besteht ein signifikanter Zusammenhang.

Mentalisieren wird im Folgenden als die Fähigkeit verstanden, eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Intentionen, Wünsche, Gedanken und Überzeugungen ein Gegenüber seinem Handeln zugrunde legt, und gleichzeitig bei sich selbst reflexiv zu erfassen, welche Umstände und Erfahrungen in der Vergangenheit und Gegenwart zu den eigenen Intentionen, Wünschen, Gedanken und Überzeugungen geführt haben. 

Die Intervention wird von ärztlichen und nicht-ärztlichen Angehörigen von Gesundheitsberufen durchgeführt. Sie werden befähigt, ein auf Eltern und werdende Eltern zugeschnittenes Präventionsprogramm für stressinduzierte psychische und psychosomatische Erkrankungen durchzuführen. Dies geschieht über ein sogenanntes Trainer´s Training, in dem der Inhalt eines in der mentalisierungsbasierten Eltern-Kind-Therapie am Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie bereits erprobten Manuals vermittelt wird. 

Das Besondere an der in diesem Manual vermittelten Methode liegt darin, dass sowohl die Angehörigen der Gesundheitsberufe selbst als auch im Verlauf die jungen Eltern für Aspekte der eigenen Mentalisierungsfähigkeit sensibilisiert und in die theoretischen Hintergründe des mentalisierungsbasierten Ansatzes und die entwicklungspsychologischen Aspekte der Mentalisierungsfähigkeit eingeführt werden. Das Training zur Durchführung des Manuals sowie die spätere Intervention werden in Kleingruppen vorgenommen. Zu Beginn steht eine theoretische Einführung in das jeweilige Thema im Vordergrund, dabei wird zunächst eine entsprechende Haltung vermittelt und durch praktische Übungen im Rollenspiel geübt. Im Folgenden werden entwicklungspsychologische Aspekte zur Entwicklung des Selbstempfindens und des Bindungsverhaltens vermittelt. Mit einer entsprechenden Haltung und entwicklungspsychologischen Kenntnissen werden Videoaufnahmen von Interaktionssequenzen nach vorgegebenem Schema analysiert. Die Förderung der eigentlichen Zielgruppe, der Eltern und ihrer kleinen Kinder, geschieht ebenfalls in Gruppen, im Rahmen eines Zyklus von jeweils 10 Gruppensitzungen.

Endziel ist es, mentalisierungshemmende Interaktionen und mangelnde elterliche Feinfühligkeit als Ursachen für unterschiedliche Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Probleme und Bindungsschwierigkeiten und als erhebliche Stressfaktoren im familiären Miteinander von vornherein zu vermeiden oder rechtzeitig zu intervenieren und Beziehung zur stärken sowie eine gesunde Entwicklung zu fördern.

 

SCHLAFLOSIGKEIT – EIN UNABHÄNGIGER RISIKOFAKTOR UND FRÜHES SYMPTOM PSYCHISCHER ERKRANKUNGEN – ALS ZIEL PRÄVENTIVER MAßNAHMEN 

Dieter Riemann und Kai Spiegelhalder

Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie

Universitätsklinik Freiburg (UKL FR); Teilprojekt des Kompetenzzentrums Prävention 

Ein- und Durchschlafstörungen oder auch ein nicht erholsamer Schlaf sowie daraus resultierende negative Konsequenzen für die Tagesbefindlichkeit, wie etwa Leistungs- und Konzentrationsstörungen, betreffen in Deutschland etwa 10% der Bevölkerung. Schlaflosigkeit = Insomnie stellt einen unabhängigen Risikofaktor dar psychisch zu erkranken, insbesondere an depressiven Störungen. In der Behandlung dominieren immer noch Benzodiazepine und Benzodiazepin-Rezeptor-Ago-nisten, obwohl für kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze wissenschaftlich gezeigt werden konnte, dass diese langfristig überlegen sind. Im Rahmen unseres Teilprojektes im Kompetenzzentrum Prävention möchten wir eine Schlafschule etablieren, in der relevante Inhalte zum Thema Schlaf und Schlafstörungen aufbereitet und als präventives Instrument eingesetzt werden können. Zielgruppe sind dabei verschiedene Berufsgruppen sowie Auszubildende bzw. Studierende in verschiedenen Ausbildungskontexten. 

Die wesentlichen Inhalte der Schlafschule sind die Vermittlung von grundlegenden Erkenntnissen über unser Schlaf-Wach-Verhalten und warum Schlaf für unsere Gesundheit wichtig ist. Dieser Teil unseres Ansatzes speist sich aus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Regulation unseres Schlaf-Wach-Verhaltens und aus epidemiologischen Untersuchungen, die nachweisen konnten, dass Störungen des Schlafs mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, metabolische Erkrankungen sowie psychische Erkrankungen einhergehen. Zudem konnte wissenschaftlich eindeutig belegt werden, dass gesunder Schlaf im Alltag für eine adäquate Gedächtnisfunktion verantwortlich ist. Diese Argumente legen es für uns nahe, Schlaf als weitere wichtige Säule in Präventionskonzepte mit einzubeziehen. Ein weiterer wichtiger Teil der Schlafschule wird sich darauf beziehen, wie man als Laie präventiv gegen Schlafprobleme vorgehen kann. Dieser Teil der Schlafschule beinhaltet deswegen eine ausführliche Erläuterung der verschiedenen Störungen des Schlafes sowie mögliche Interventionen, wie Schlaf verbessert werden kann. 

Das Konzept wird zurzeit in verschiedenen Versionen entwickelt und soll letztendlich im Bereich der Pflege, der Medizin (Ärzte und Studierende) sowie im schulischen Bereich (Lehrer und Schüler) eingesetzt werden. Darüber hinaus ist an eine Entwicklung des Konzepts im Bereich Fort- und Weiterbildung für Psychiater und Psychotherapeuten gedacht sowie auch an die Entwicklung eines Ganztageskonzepts für interessierte Laien. Das Programm wird komplementiert durch die Entwicklung verschiedener Fragebögen und methodischer Neuerungen, die letztendlich auch als App auf Smartphones eingesetzt werden können.

 

Eine mHealth-Intervention zur Tertiärprävention depressiver Symptome nach stationärer psychiatrischer Behandlung (MIND-S) 

S. Kraft, B. Puschner, T. Becker (Universität Ulm)

M. Wolf, S. Bauer, H. Kordy (Universität Heidelberg) 

Hintergrund: Depressive Erkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen. Für die Gesellschaft verursacht die Erkrankung erhebliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit, Krankengeldzahlungen und Frühberentungen. Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten mit depressiven Erkrankungen hat in ihrem Leben wiederholte Erkrankungsepisoden. Insbesondere die hohe Beanspruchung in Alltag und Arbeitswelt bei häufig unzureichender Verfügbarkeit ambulanter Anschlussversorgung gefährden erreichte Therapieerfolge. Maßnahmen zur Tertiärprävention depressiver Erkrankungen wie zum Beispiel achtsamkeitsbasierte Interventionen, die im Sinne des Selbstmanagements auf eine nachhaltige Umsetzung gelernter Techniken im Alltag abzielen, rücken daher zunehmend in den Fokus von Forschung und Versorgung. Mobile Kommunikationsmedien können hierbei eine wichtige Unterstützungsfunktion übernehmen. 

Studienziele: Im Rahmen einer Pilotstudie soll eine Minimalintervention zur Rückfallprävention für Patienten mit depressiven Symptomen nach stationär-psychiatrischem Aufenthalt implementiert und hinsichtlich ihrer Durchführbarkeit und Akzeptanz überprüft werden. 

Methode: Die Studie richtet sich an Patientinnen und Patienten mit depressiver Symptomatik, die an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm (Bezirkskrankenhaus Günzburg) (teil-)stationär behandelt wurden. Die Patienten erhalten während ihres stationären Aufenthalts im Rahmen eines regelmäßigen Gruppenangebots eine manualisierte Einführung in drei kurze achtsamkeitsbasierte Übungen und die Empfehlung, diese nach der stationären Entlassung weiter zu führen. Bei Entlassung werden die Patienten zufällig der Kontroll- bzw. Interventionsgruppe zugewiesen, wobei die Patienten der Interventionsgruppe zusätzliche Unterstützung bei der Durchführung der zuvor gelernten Achtsamkeitsübungen über den Short Message Service (SMS) ihres Mobiltelefons erhalten (MIND-S). Die Teilnehmer werden gebeten, nach Durchführung einer Übung eine SMS zu schicken und erhalten unmittelbar danach eine positiv verstärkende Rückmeldung per SMS. Primäre Zielgrößen der Studie sind die Übungscompliance und -frequenz in den beiden Gruppen, sowie die Nutzung und Akzeptanz der SMS-basierten Minimalintervention. Als sekundäre Zielgrößen werden bei allen Teilnehmern bei Aufnahme und Entlassung, sowie vier Monate danach mittels Fragebögen depressionsrelevante Parameter erfasst. 

Erwartete Ergebnisse: Die Pilotstudie soll erste Hinweise über die Akzeptanz und Durchführbarkeit einer SMS-basierten Minimalintervention bei Menschen mit depressiven Symptomen im Anschluss an eine stationäre psychiatrische Behandlung liefern. Im Fall, dass die Patienten die SMS-Unterstützung als hilfreich erleben, liefert die Studie darüber hinaus wichtige Informationen über die Verteilung potenzieller Zielgrößen, auf deren Grundlage eine umfangreiche klinische Prüfung geplant werden kann.

 

Querschnittsprojekt „Kosteneffektivität von Stressmanagement und Prävention“  

Die Kosteneffektivität von präventiven und Stressmanagement-Maßnahmen bei Menschen mit psychischen Störungen ist in Deutschland trotz der potentiell hohen Budgeteffekte bisher kaum untersucht. Das Kompetenzzentrum bietet deshalb hervorragende Möglichkeiten, dieses Forschungsdefizit im Rahmen eines gesundheitsökonomischen Querschnittsprojekts zu adressieren und empirische Befunde über die Kosten und Kosteneffektivität präventiver Strategien zu generieren.

Dabei werden geeignete empirische Vorhaben des Kompetenzzentrums mittels gesundheitsökonomischer Erfassungs- und Analysetechniken begleitet und Befunde erarbeitet, die über die Kosteneffektivität der jeweiligen, in diesem Projekten implementierten präventiven oder Stressmanagementmaßnahmen Auskunft geben.

Hierzu werden die direkten Kosten dieser Maßnahmen in den jeweiligen Teilprojekten erfasst und in Bezug zu den Behandlungs- und Versorgungsoutcomes der Projekte gesetzt. Die Arbeitsschritte umfassen die Ermittlung von Interventions- und Versorgungskosten auf der Ebene der jeweiligen Studienprobanden, die Berechnung der inkrementellen Kosteneffektivitätsquotienten (ICER), die Bestimmung von Konfidenzintervallen mittels Bootstrapping, die Berechnung von Kosteneffektivitäts-Akzeptanzkurven usw.

Das Querschnittsprojekt wird geleitet von Prof.Dr. Hans Joachim Salize, Leiter der Arbeitsgruppe Versorgungsforschung am ZI in Mannheim. Diese Arbeitsgruppe ist eine der wenigen Forschungsgruppen in Deutschland ist, die systematisch gesundheitsökonomische Fragestellungen im Bereich psychisch Kranker bearbeitet. Die Arbeitsgruppe war mit gesundheitsökonomischen Projekten in den BMBF-geförderten psychiatrischen Kompetenznetzen „Schizophrenie“ sowie „Depression und Suizidalität“ sowie im „Suchtforschungsverbund Südwest“ vertreten und ist wesentlich an der methodischen Weiterentwicklung gesundheitsökonomischer Verfahren und der Adaption entsprechender Methoden an die Belange spezifischer Krankheitsbilder beteiligt.

Teilprojekt 12 - Identifikation und Förderung von durch Überlastung gefährdeter Arbeitnehmer (Allg. Psychiatrie Karlsbad/Langensteinbach, Med. Fakultät Heidelberg)

 

Belastung am Arbeitsplatz wird von Menschen mit Depressionen als wichtigster für ihre Erkrankung verantwortlicher Stressor angegeben. Die Teilhabe am Arbeits- und damit auch am sozialen Leben fördert anderseits die psychische Gesundheit, der Ausschluss vom Arbeitsleben verschlechtert die Prognose psychischer Erkrankungen. Zur Auflösung dieses Dilemmas müssen Arbeitsbelastung und individuelle Belastbarkeit ausbalanciert werden. Voraussetzung hierfür ist die Kenntnis der individuellen Belastbarkeit von Arbeitnehmern. Entscheidend für die individuelle Belastbarkeit sind Qualifikation und Motivation sowie kognitive Fähigkeiten, Anpassungsfähigkeit, psychische Belastbarkeit und die Fähigkeit zu Interaktion und Kommunikation.

 

Projektziel: Entwicklung eines Instrumentes zur Identifikation von Arbeitnehmern, die durch Veränderungen am Arbeitsplatz  in ihrer psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit gefährdet sind. Entwicklung von Strukturen, die Unternehmen helfen, geeignete Strategien im Umgang mit gefährdeten Mitarbeitern zu entwickeln.

Umsetzung: In Kooperation mit dem Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrum in Karlsbad-Langensteinbach sowie der Sektion für Klinische Psychologie und Neuropsychologie  des SRH Klinikums Karlsbad Langensteinbach wurde ein Assessment entwickelt, das in eine strukturierte Beratung von Arbeitgebern und Arbeitnehmer mündet. In Kooperation mit der Stabsstelle Wirtschaftsförderung der Gemeinde Karlsbad ein wurde ein Integrationspreis entwickelt, für Firmen mit Sitz in Karlsbad ausgeschrieben und vergeben. Prämiert wurden Firmen, die die psychische Gesundheit ihrer Arbeitnehmer fördern und die Integration von psychisch erkrankten Menschen unterstützen. Durchführung von Veranstaltungen Kontaktherstellung zu Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Ergebnisse: Entwicklung des Assessments. Die Herstellung von Kontakten mit zahlreichen Firmen und Sensibilisierung für die Problematik ist gelungen, große Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Unterstützung. Entwicklung eines Schulungsprogramms für Führungskräfte in Kooperation mit einer international tätigen Firma, Durchführung einer ersten Veranstaltung und Konzeption von Folgeveranstaltungen.

Fazit: In Kontakten mit Firmen wurde deutlich, dass ein erheblicher Bedarf für Unterstützung hinsichtlich Prävention von psychischer Erkrankung im Arbeitsumfeld sowie der Veränderung im Umgang damit besteht. Die Interessen von Unternehmern und klinisch tätigen Medizinern und Psychologen sind nicht deckungsgleich und müssen angepasst werden, damit eine sinnvolle Unterstützung gelingt.